Offener Brief an Herrn Tangen, Schulleiter des Goethe Gymnasiums Ibbenbüren

Offener Brief zum Umgang der Schulleitung mit dem „Bildungsstreik“

Sehr geehrter Herr Tangen,

wie Sie wissen, findet am kommenden Dienstag, dem 17. November 2009 ein „Bildungsstreik“ in Ibbenbüren statt.
Von mehreren LehrerInnen, sowie durch Ihren Aushang im Schulgebäude und die Zurückweisung meines Antrages auf Beurlaubung habe ich in den vergangenen Tagen vernommen, dass Sie Beurlaubungen von SchülerInnen für die Teilnahme an diesem Demonstrationszug untersagt haben. Dies macht mich nicht nur angesichts der Situation der Bildung in unserem Land, sondern auch angesichts der rechtlichen Grundlagen für eine Beurlaubung zwecks der Teilnahme an politischen Versammlungen stutzig.

So schreibt das Ministerium für Schule und Weiterbildung unseres Bundeslandes auf seiner Internetpräsenz zwar, SchülerInnen haben grundsätzlich außerhalb der Unterrichtszeit an politischen Versammlungen und ähnlichem teilzunehmen, spricht SchulleiterInnen in einem folgenden Absatz jedoch die Entscheidungskompetenz zu, SchülerInnen für die Teilnahme an solchen Veranstaltungen vom Unterrichtsbesuch zu beurlauben:

„Die Teilnahme an außerschulischen Versammlungen kann nach Entscheidung der Schulleiterin oder des Schulleiters einzelnen Schülerinnen und Schülern oder je nach Alter bestimmten Schülergruppen im Einzelfall auf Antrag durch Beurlaubung vom Unterricht ermöglicht werden.“
(http://www.schulministerium.nrw.de/BP/Schulrecht/FAQ/FAQ_Unterricht/Teilnahme/Demonstrationen.html – Absatz 5)

Des weiteren benennt § 2 Absatz 2 des Nordrhein-Westfälischen Schulgesetzes das Erwecken der „Bereitschaft zu sozialem Handeln“ als eines der drei vornehmsten Ziele der Erziehung und gibt in Absatz 5 weiterhin an, die SchülerInnen sollen insbesondere lernen „1. selbstständig und eigenverantwortlich zu handeln“ sowie „4. in religiösen und weltanschaulichen Fragen persönliche Entscheidungen zu treffen und Verständnis und Toleranz gegenüber den Entscheidungen anderer zu entwickeln“.

Ich frage mich, wie bei einem pauschalen Nichtbeurlauben von SchülerInnen, die sich für grundlegende Verbesserungen in ihrer eigenen Bildung und der Bildung der ihnen nachfolgenden Generationen einsetzen wollen, für politische Versammlungen wie den „Bildungsstreik“, der in § 2 des Schulgesetzes benannte Bildungs- und Erziehungsauftrag gewährleistet werden soll. Sollten die in Artikel 8 des Grundgesetzes festgeschriebene Versammlungsfreiheit und die bei einem „Bildungsstreik“ gemachte praktische Lernerfahrung in Sachen demokratischer Partizipation nicht schwerer gewichtet werden als das äußerst seltene Ausfallen von wenigen Unterrichtstunden? Dieser Unterrichtsausfall steht zudem in keinem Vergleich zum Unterrichtsausfall durch einen bestehenden LehrerInnenmangel, gegen den sich der Bildungsstreik ebenfalls richtet. Außerdem ist das Ziel der „Bildungsstreiks“ bekanntlich keine Verschlechterung der Bildung, sondern eine Verbesserung, zugunsten von SchülerInnen, Studierenden und Lehrenden, was selbst bei kleinen Erfolgen doch mehr als nur einen Ausgleich für die Nichtteilnahme an wenigen Unterrichtsstunden darstellen würde.

Obwohl Sie zu einem Informationsgespräch eingeladen wurden suchten Sie keinen Kontakt zu den SchülerInnen, die den Ibbenbürener „Bildungsstreik“ organisieren oder zur Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) Ibbenbüren, die an der Organisation ebenfalls beteiligt ist. Nun scheint das Androhen von Repressionen in Form von unentschuldigten Fehlstunden und mit der Note „ungenügend“ bewerteten Klausuren und Arbeiten, die am 17. November geschrieben werden sollen, im Falle der Teilnahme am „Bildungsstreik“ an die Stelle eines kritischen Diskurses mit den SchülerInnen zu treten. Dies passt meines Erachtens weder in den Kontext des Bildungs- und Erziehungsauftrags durch das Schulgesetz, noch in den Kontext der verfassungsmäßig garantierten Versammlungsfreiheit noch in den Kontext des ewigen Klagens über eine desinteressierte und unengagierte Jugend.

Ich bitte Sie daher, sowohl mich, als auch andere SchülerInnen des Goethe-Gymnasiums, die dies beantragen, für die Teilnahme an der angemeldeten und durch das Versammlungsgesetz und die im Grundgesetz festgeschriebene Versammlungsfreiheit geschützten Demonstration unter dem Motto „Bildungsstreik – Demonstration für eine bessere Bildung“, die am 17. November 2009 in Ibbenbüren stattfindet zu beurlauben. Dies geschieht im übrigen auch an der Anne-Frank-Realschule in Ibbenbüren, deren SchülerInnen laut eines Elternbriefes des Schulleiters Stefan Krems beurlaubt werden, insofern diese bis zum kommenden Montag einen schriftlichen Antrag auf Beurlaubung einreichen.

Um auch andere SchülerInnen von meinem Anliegen und dem Umgang mit dem „Bildungsstreik“ zu informieren, werde ich diesen Brief an Sie öffentlich zugänglich machen.

Mit freundlichem Gruß,

Felix H., Schüler des Jahrgangs 12 des Goethe-Gymnasiums Ibbenbüren